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Tocotronic

Schall und Wahn

(Rock-O-Tronic/ Vertigo/ Universal)


»Eure Liebe tötet mich« – Dirk von Lowtzow eröffnet mit Grabesstimme das neunte, im Sound kompakt und monumental daher kommende Tocotronic-Album. Ein schleppend beginnender und in infernalische Rückkopplungseffekte ausufernder Opener in Überlänge gibt schon mal die Marschrichtung vor: Die Slogans (»Eine Lanze für den Widerstand« oder »Stürmt das Schloss«) wirken noch immer wie in Stein gemeißelt, doch fehlt hier der Manifest-Charakter des noch immer gegenwärtigen Vorgängers »Kapitulation«. Ein Rückzug ins Private sollte aber nicht erwartet werden. Eher nehmen uns die Hamburger mit auf eine Reise ins Ambivalente; in menschliche Abgründe von Neid, Gier, Hass und Feigheit, oder auch Liebesversprechen, die zuweilen von drastischen Bildern kontrastiert werden. »Im Zweifel« plädieren Tocotronic eben »für den Zweifel«, was den Zugang zu ihrer Welt nicht gerade erleichtert. »Schall und Wahn« sei ihre »heftigste Propagierung von Zwischenstufen, Ich-Auflösung und Vielheit«, lässt die Band dazu kryptisch verlautbaren. Tatsächlich wirkt das Album wie ein irrer Roadtrip in Cinemascope; exzessiv, ja, aber kontrolliert und nicht zerstörerisch, denn immer schimmert ihre Haltung durch, an den Sieg des Guten zu glauben. Es ist daher wohl eher ein allgemeines Unbehagen, das sich auf dem nun einmal erreichten musikalischen Fundament Bahn bricht. Grandios eröffnet von einem Gitarrenfeedbackmarathon und ebenso grandios beschlossen von flimmernd delierenden Streicher- (Arrangements von Thomas Meadowcroft) und Gitarrenklängen, ist »Schall und Wahn« – das die Band als Abschluss ihrer mit »Pure Vernunft darf niemals siegen« begonnenen Berlin-Trilogie sehen möchte – das musikalisch wohl eindringlichste und ausgeklügeltste Konzept-Album der Bandgeschichte.
Frog
Live am 16.4.2010 im Alten Schlachthof
www.tocotronic.de
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